Deutsch-Kurs im Jenaer Towanda lupenrein weiblich

Parallele Kinderbetreuung ermöglicht Flüchtlingsfrauen Sprachausbildung – „Towanda“ ist jedoch am Limit

Vusala Gulueva (26, stehend Bildmitte) studiert an der Uni Jena Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Die Aserbaidschanerin, die in Gera aufgewachsen ist, gibt Flüchtlingsfrauen im Frauenzentrum „Towanda“ Deutschunterricht der ersten Weiterbildungsstufe A 1. Ausschließlich mit Frauen zusammen zu sein, empfänden die Teilnehmerinnen als „sehr positive Lernatmosphäre“, sagt Vusala Gulueva. Foto: Vusala Gulueva (26, stehend Bildmitte) studiert an der Uni Jena Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Die Aserbaidschanerin, die in Gera aufgewachsen ist, gibt Flüchtlingsfrauen im Frauenzentrum „Towanda“ Deutschunterricht der ersten Weiterbildungsstufe A 1. Ausschließlich mit Frauen zusammen zu sein, empfänden die Teilnehmerinnen als „sehr positive Lernatmosphäre“, sagt Vusala Gulueva. Foto:

Jena. Fatima Alkhalluf kann es ganz einfach begründen, weshalb dieser Deutsch-Kursus beim Frauenzentrum „Towanda“ für sie so wichtig ist: „Wir haben Kleinkinder“, sagt die 21-jährige Syrerin im Namen ihrer Mitschülerinnen. Also müsste sie selbst – gäbe es das Angebot nicht – mit ihrem anderthalbjährigen Kind zumindest ein Jahr durchgehend weiter zu Hause bleiben, bis die Aufnahme im Kindergarten möglich ist. Schaue man auf die Deutsch-Kurse für Flüchtlinge in Jena, dann sei allein der Unterricht bei „Towanda“ mit einer Kinderbetreuung verknüpft. Vielsagend fasst sich Fatima Alkhalluf an den Bauch: „Nächstes Jahr bekomme ich mein zweites Kind.“ Zudem sei ihr aufgefallen, dass ihr Kind dank des Kontaktes während der Betreuung immer besser Deutsch spricht. „Ich selbst natürlich auch!“

„Towanda“-Koordinatorin Silvana Oertel und Vereinsvorstandsmitglied Melanie Schulz berichteten gestern, dass die Erfolgsgeschichte rund um die Integration von Flüchtlingsfrauen Konsequenzen hat. Das heißt: „Towanda“ bot vom Herbst 2015 an ein wöchentliches „Frauencafé“ für die Mütter und Töchter aus Flüchtlingsfamilien und entdeckte dabei den Bedarf nach Deutsch-Kursen speziell für Frauen.

Der Unterricht im geschützten Raum werde von den Teilnehmerinnen sehr wertgeschätzt, sagt Melanie Schulz. Statistisch sei es nachgewiesen, dass die gemischtgeschlechtlichen Kurse überwiegend von Männern genutzt würden. „Die kostenlose Kinderbetreuung – damit steht und fällt unser Angebot.“ Mittlerweile seien zwei Offerten für jeweils rund 20 Frauen fest etabliert: der Alphabetisierungs-Kursus mit 300 Stunden und der A-1-Kursus mit 250 Stunden je Teilnehmerin.

Sabine Papadhima hat Deutsch als Zweit- und Fremdsprache studiert und leitet unter anderem den Alphabetisierungskurs bei „Towanda“. Weil sie den Vergleich mit gemischten Kursen bei anderen Trägern hat, stellt sie fest: „Hier sind die Frauen viel offener; sie blühen mehr auf.“ Sabine Papadhima mahnt zu bedenken, dass die Flüchtlingsfrauen ganz anders aufwachsen als hierzulande üblich. 21 Jahre alt und schon drei Kinder, das sei normal. „Unsere Jugend geht in dem Alter zur Disko.“

Donnerstag Entscheid über Zuschuss der Stadt

An zwei bis drei Tagen pro Woche herrscht somit Hochbetrieb bei „Towanda“ in der Wagnergasse 25. Für den Alphabetisierungs-Kursus seien sogar Extra-Räume angemietet worden, berichtet Silvane Oertel.

Die beiden Deutsch-Lehrerinnen würden zwar über die Ländliche Erwachsenenbildung finanziert. Um die Koordinierung und die Kinderbetreuung müsse sich „Towanda“ aber selbst kümmern, sagt Melanie Schulz. Die Festangestellten – Silvana Oertel und Beatrice Osdrowski – würden deshalb seit Monaten „ohne Ende Überstunden“ leisten. „Sie sind am Anschlag“: Abrechnungen, Honorarverträge, Besucher-Betreuung und Abstimmung mit den Ehrenamtlichen, die sich um die Kinder kümmern. „Es läppert sich“, sagt Silvana Oertel. Am Ende des Tages sei sie auch noch die Reinigungskraft.

Deshalb dringt das Frauenzentrum darauf, dass die bislang 1,5 in 2 Feststellen umgewandelt werden. Ein erster Schritt sei, dass der Freistaat seinen Zuschuss der co-finanzierten Personalstellen erhöhen würde, wenn die Stadt Jena ihrerseits mitziehe, so erläuterten Silvana Oertel und Melanie Schulz.

Über den kommunalen Zuschuss für Vereine und so auch für „Towanda“ muss nächste Woche der Sozialausschuss des Stadtrats entscheiden. Er hoffe auf Zustimmung des Gremiums zum „Towanda“-Antrag, sagt Ausschuss-Vorsitzender Ralf Kleist (Bündnisgrüne). Für ihn ist der Mehrbedarf des Frauenzentrums „einleuchtend“. Ähnlich sieht das Conny Bartlau, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt. Der organisatorische Aufwand sei immens und ein jeder der beiden Kurse überbelegt, sagt Conny Bartlau auf Zeitungsanfrage. Und es gebe nun einmal keinen anderen Sprachkurs-Träger, der zusätzlich Kinderbetreuung anbietet.

Ob die Fachpolitiker dem Antrag auf 45 000 Euro pro Jahr (statt 35 000 im alten Jahr) folgen, muss der kommende Donnerstag zeigen.

Stadtsprecherin Roswitha Putz gab die Sicht der Finanzverwaltung gestern so wieder: Der Antrag sei geprüft, und ihm zu folgen, würden „Möglichkeiten gesehen“.

Thomas Stridde / 27.10.17
Z0R0136459108